Sonntag, 13. November 2011

Wenn einer eine Reise tut... Teil 4: Murter

Krönender Abschluss unserer Kreuz-und-quer-Fahrt durch Dalmatien sollten einige Tage auf der Insel Murter werden. Für den ultimativen Romantik-Kick hatten wir uns ein Fischerhäuschen gemietet: ein winziges Steinhäuschen ohne Strom, Licht und fließend Wasser, mitten an einer einsamen Bucht in der kroatischen Pampa.

Zu unserem Knusperhäuschen wurden wir stilecht per Fischerboot gefahren – vorbei an etlichen Deutschen Pensionisten, die unweit unseres Domizils ihrer FKK-Lust frönten. Angekommen in unserem neuen Heim machte uns unsere Vermieterin mit Händen und Füßen (ihr Englisch beschränkte sich auf ca. 5 Worte, unser Kroatisch auf 0) klar, dass sie erst mal das Haus putzen müsse. Wir und unsere Rucksäcke wurden also kurzerhand gemeinsam mit einem Plastikcontainer selbstgepanschtem Rotwein auf die Terrasse verfrachtet. Nach etwa einer Stunde, in der wir schon gut beschwipst und glücklicherweise nicht erblindet waren, teilte uns die kroatische Mutti mit, dass wir offensichtlich einen Mitbewohner hatten: „Is mouse! You fraid?“

Lächelnd winkte ich ab und ließ die Vermieterin mit ihrem Tucker-Boot von Dannen ziehen. So eine Maus, das war doch etwas Niedliches! In Gedanken sah ich mich das kleine Ding schon mit Käsewürfeln zum süßen Streichelmäuschen zähmen – famous last words.

Bereits in der ersten Nacht hatte sowohl die Vorstellung des Wildnis-Urlaubs als auch die der niedlichen Mickey Maus jegliche Romantik verloren. Kerzengerade lagen wir in unserem Bett, umgeben von finsterster kroatischer Nacht, die nur von diversen Quietsch- und Kratzgeräuschen durchbrochen wurde. Wenn man nicht einmal mindestens 5km vom nächsten Haus ohne Lichtschalter in der Pampa verbracht hat, hat man vermutlich keine Vorstellung davon, wie es ist, um 03.00 Uhr früh mit einer Stirnlampe und einem Buttermesser bewaffnet ums Haus zu schleichen, weil man meint, gerade einen Einbrecher am Fenster gehört zu haben. Und auch nicht, wie es ist, um 04.00 Uhr, 05.00 Uhr und 06.00 Uhr früh das gesamte Haus auf den Kopf zu stellen, weil man mit ebendiesem Buttermesser die Maus zu lynchen versucht, weil sie beim genüsslichen Naschen der gesamten Küchenkastl-Innenverkleidung eine Geräuschkulisse wie bei der Raubtierfütterung produziert.

Als wir nach dieser ungemein erholsamen Nacht am nächsten Tag das Bett verließen und unsere gesamten Habseligkeiten mit dekorativen Mäuse-Kackwürstchen verziert vorfanden, war eines klar: einer würde diesen Urlaub nicht überleben, entweder wir oder die Maus.

Da mitten in der Pampa Mäusefallen-Shops bekanntlich spärlich gesät sind, mussten wir improvisieren. Den Kampf eröffneten wir mit der Anfänger-Mausefalle schlechthin: einen Topf verkehrt herum mit einem kleinen Holzstück darunter aufstellen, an dem ein Stück Schnur und daran wiederum ein Würfelchen Brot befestigt ist.

Plan: Maus zieht beim Fressen des Brots an der Schnur, Schnur zieht Holz unter Topfrand weg, Topf fällt runter – Klappe zu, Affe tot bzw. Topf zu, Maus gefangen.

Die Realität sah dann allerdings so aus: Maus beisst Schnur ab, spaziert gemütlich mit Brot wieder hinaus und lacht sich ins Fäustchen. Maus 1, Sandro & Susi: 0.

So schnell gaben wir uns allerdings nicht geschlagen. Nachdem wir nach zwei weiteren schlaflosen Nächten mittlerweile nur noch von dem Gedanken besessen waren, das Viech langsam und qualvoll zu töten und unseren gesamten Urlaub nur mehr dafür aufwandten, uns Pläne für Mausefallen auszudenken, sagten wir der Maus mit dem Mercedes unter den selbstgebauten Apparaten den Krieg an.

Testaufbau wie folgt: Leere Plastikflasche mit Brotstückchen drin liegt waagrecht so am Rand eines Kartons, das sie haarscharf nicht hinunterfällt – Maus sieht Brot, denkt „Geil!“, läuft in Flasche, Flasche kriegt Übergewicht, fällt runter und steht jetzt senkrecht am Boden – Maus am Boden gefangen, denkt „Scheiße, warum hab ich keine Flügel“. So weit, so gut.

Stolz wie Oscar setzten wir uns auf die Terrasse und warteten mit diebischer Freude darauf, dass das dumme Vieh in sein Verderben lief. Tatsächlich tat es wenige Minuten später schon einen Rumpler und wir stürmten zu unserer Apparatur – nur, um die Maus gerade noch dabei zu erwischen, wie sie rückwärts (!!!) mit dem Stück Brot wieder aus der Flasche trippelte und in ihrem Loch verschwand.

Gut, unser Fehler: die Flasche war nicht komplett umgefallen und hatte der Maus deswegen noch einen - wenn auch steilen - Ausweg beschert. Nachdem wir den Aufbau so vergrößert hatten, dass mittlerweile das halbe Fischerhäuschen mit Kartons zugebaut war, wurden wir am nächsten Tag mit folgendem Anblick belohnt: Flasche steht senkrecht im Raum, Brot weg, Maus weg. Nur eine einsame Kackwurst verhöhnte uns vom Boden der Flasche aus. Wir hatten keine Ahnung, wie die Maus es geschafft hatte, aus der stehenden Flasche wieder rauszukommen, aber eines war klar: diese Maus war entweder gentechnisch mutiert oder hochbegabt.

Nachdem der Wahnsinn nun vollends von uns Besitz ergriffen hatte, bastelten wir auch noch eine Deluxe-Variante, bei der sich bei Umfallen der Flasche mittels Steinchen-Blei ein Korkendeckel über den Verschluss der Flasche legte – ebenfalls vergeblich.

Nach fünf Tagen Fischerhäuschen waren wir nervlich am Ende, die Maus immer noch glücklich am Leben und ich vom Tierfreund zum Tierhasser mutiert.

Bis zum Schluss haben wir das Vieh nicht gefangen, was dafür spricht, dass ihr erbsengroßes Hirn einfach leistungsstärker als unsere beiden zusammen war. Und eines steht fest: den schönsten Urlaub von uns drei hatte die Maus – eine Woche All You Can Eat am Brot-Buffet.

Tatort Maushausen

Apparatur des Todes

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