Manchmal wär ich gerne Raucher. Ich finde den Geruch zwar
ekelerregend, die gesundheitlichen Folgen bedenklich und den Preis einer
Schachtel Zigaretten astronomisch, aber der soziale Aspekt spricht mich einfach
an. Schon in jungen Jahren war „Hast du mal Feuer?“ ein bombensicherer
Anmachspruch (ich gebe jetzt nicht zu, dass ich deswegen als Nichtraucher eine
Zeit lang immer ein Feuerzeug mit mir in der Tasche herumtrug), jede sinnlose
Wartezeit kann mit einem kleinen Zigarettchen überbrückt werden und die
völkervereinigende Komponente ist auch nicht zu unterschätzen. Schließlich
schaut man beim alltäglichen „Gemma eine rauchen“ in der Arbeit als
Nichtraucher immer wieder durch die Finger, wenn man sich nicht mit einer
Schokozigarette dazustellen möchte.
Es ist ja nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Mit 14
war mein gesamter Freundeskreis mindestens ein Monat damit beschäftigt, mir das
Rauchen beizubringen. In stundenlangen Lehrgängen versuchten sie mir im
berühmten „Hccccchhh! Die Mama kummt!“-Verfahren näherzubringen, wie genau das
Inhalieren einer Zigarette vonstatten zu gehen hatte. Kurz hat das auch
funktioniert und ich war für ca. 5 Minuten extrem stolz darauf, jetzt auch zu
den coolen Kids zu gehören – bis mir das Ganze schwallartig wieder hochkam und
ich eine dampfende Pizza auf den Gehsteig legte. Und schon war’s mit dem cool sein
wieder vorbei – denn das Gesetz der Natur verlangte es natürlich, dass immer
genau in diesem Moment der Schwarm vorbeikam, den man eigentlich lässig als
mystische Raucher-Lady und nicht als jämmerliche Spei-Fontäne hatte beeindrucken
wollen.
Nachdem meine Karriere als kettenrauchende Coolness-Queen
also gescheitert war, brauchte ich ein – oder besser gleich zwei! – andere Laster.
Und ich musste sie mir hart erkämpfen! So war für mich Kaffee anfangs ein Gräuel.
Bei dem bitteren Geschmack kam mir sofort die Galle hoch und von Genuss war ich
so weit entfernt wie ein Eisbär von Honolulu. Ich war jedoch so fasziniert
davon, wie andere genießerisch ihre Hände am dampfenden Becher wärmten, wie sie
durch ein paar Schlucke in der Früh zu neuer Lebenskraft erweckt wurden und wie
sie sich täglich mit den Worten „Gehst mit auf an Kaffee?“ davonmachten, um
bestimmt ohne mich um die Kaffeemaschine gescharrt die heißesten Neuigkeiten zu
besprechen, dass ich mich einfach dazu zwang, das schwarze Gesöff zu mögen. Mit
einer bewundernswerten Ausdauer pilgerten meine einzige andere
Kaffee-abstinente Freundin und ich also von da an regelmäßig ins Kaffeehaus und
zwangen uns, wenigstens eine Tasse von der Plörre runterzubekommen. Anfangs
benötige es dazu pro Tasse etwa einen halben Liter Milch und 5 Stück
Würfelzucker, aber schon nach ein paar Monaten begann unser Projekt Früchte zu
tragen. Endlich fing der Kaffee auch an, uns zu schmecken und wir gehörten jetzt dazu. „Hast du schon einen Kaffee gehabt?“, „Treff ma uns morgen auf an Kaffee?“,
„Ma, jetzt war a Kaffee guat!“ – all diese Sätze gingen uns von da an mit
stolzgeschwellter Brust von den Lippen.
Damit nicht genug, musste auch noch das Laster Alkohol daran
glauben. Der Gruppenzwang erlaubte es uns einfach nicht, bei Almdudler zu
bleiben und so begann dasselbe Spielchen wie beim Kaffee. Das erste Bier war
einfach nur ekelerregend – weg musste es trotzdem! Ich kann mich noch gut
erinnern, als wir uns damals zu viert ein Cola Rum bestellten und uns darum
stritten, wer am meisten davon trinken musste, weil wir es so grausig fanden –
hach, was waren das noch für Zeiten! Leider entdeckten wir kurz darauf dann
Baileys. Wer schon mal einen Baileys-Rausch hatte (was ehrlich schwierig ist,
da man sich im Normalfall vorher übergibt oder an Zuckerschock stirbt), weiß
dass man sich am nächsten Tag aus tiefstem Herzen wünscht, man wäre
Anti-Alkoholiker geblieben. Die Hemmschwelle war damit aber gefallen und wir
starteten ab da diverse Feldversuche dazu, ob es uns mit Saurem Apfel,
Ribiselwein, Tequila oder Bier am nächsten Tag besser ginge. Nachdem wir einstimmig
festgestellt hatten, dass dem nicht so war, wünschten wir uns alle, wir hätten mit dem Blödsinn gar nie angefangen. Andererseits ist komplett lasterfrei ja auch irgendwie langweilig - also, sonst noch jemand einen Kaffee?