Eine Dreiviertelstunde später mussten wir erstens feststellen, dass unser Hotel wohl doch weniger zentral gelegen war als gedacht und zweitens, dass wir ohne Stadtplan nicht nur nicht in der Lage waren, die Fußgängerzone zu finden – wir fanden gleich die gesamte Stadt nicht. Gefühlte Ewigkeiten streunten wir durch menschenleere Industriegebiete und verlassene Wohnviertel, ohne auch nur an einem einzigen Lokal vorbeizukommen. Im Nachhinein konnten wir auf der Karte nachvollziehen, dass wir auf unser Herbergssuche sogar ein richtiges Talent entwickelt hatten, bei jeder Ecke genau die falsche Richtung einzuschlagen, wodurch wir etwa fünf Mal bereits im sehr netten und gar nicht menschenleeren Zentrum von Jerez gewesen wären, wenn wir nicht haarscharf daran vorbeigelaufen wären.
Nachdem unser Magenknurren bereits zu einem lauten Dröhnen angeschwollen war, fanden wir endlich, endlich einen Platz, den wir für das Zentrum der Stadt hielten (das sich in Wahrheit eine Querstrasse weiter mit hunderten von Restaurants, Bars und Geschäften befand). Vor einer Bier-Bar, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, standen einige windschiefe Sessel und Tische und auf einer großen Tafel wurde typisch spanisches Essen angepriesen.
Voller Vorfreude ließen wir uns also nieder und durchforsteten die Speisekarte – die natürlich nur auf Spanisch war. Nun sollte man ja erwarten können, dass man seine Freundin, die fünf Jahre Spanisch studiert hat, in solchen Fällen um einen sprachlichen Rat fragen könnte, aber der arme Sandro musste wieder einmal feststellen, dass man mich umsonst studieren geschickt hatte.
Auf seine Frage, was den „Pasta con gulas“ sei, konnte ich ihm nur ratlos entgegenblicken. Ich ließ ihn zwar ausnahmsweise nicht unabsichtlich kulinarisch gegen die Wand laufen wie damals, als ich ihm voller Überzeugung in der Toskana versicherte, dass „Cinghiale“ Pilze wären, warnte ihn jedoch vor, dass er sich die ominösen Gulas besser nicht bestellen solle.
Sandro tat meine Skepsis jedoch mit einem Schulterzucken und einem „Gulas, was soll das schon sein – wird halt sowas wie eine Gulasch-Sauce sein!“ ab und bestellte das Gericht.
Nie werde ich seinen Blick vergessen, als sein Teller serviert wurde: Nudeln mit einer glibbrigen Masse an grauen Würmern obendrauf. Es war das einzige Essen, dass ich Sandro in all den Jahren nach ein paar Bissen stehen sehen lassen habe.
Und dabei wusste er da noch gar nicht, was wir nach dem Urlaub im Wörterbuch nachschlagen sollten: nämlich, dass er gerade Spaghetti mit Baby-Aalen gegessen hatte.
| Noch jemand Hunger? |
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