Donnerstag, 31. März 2016
Vollidioten haben immer Vorrang
Ich geb’s gern zu: Auch ich habe den Führerschein nur unter dem Versprechen bekommen, dass ich mindestens fünf Mal in meinem Leben nach Maria Plain pilgern muss, aber gegen das, was andere Autofahrer so täglich auf den Straßen aufführen, bin ich definitiv jetzt schon heilig. In jahrelangen, peniblen Studien ist es mir nun gelungen, jene sechs Kategorien von Autofahrern wissenschaftlich zu klassifizieren, die mich am allermeisten auf die Palme bringen.
TUSSI ON TOUR
Auto:
Alles, was klein und schnuckelig ist und genug Platz für mindestens eine voll süße Clutch bietet.
Zum Beispiel: Fiat 500, Mini,…
Erkennungsmerkmale:
- Deko-Artikel vom Polterabend-Blumenkranz bis zum Wackeldackel
- Permanent heruntergeklappter Schminkspiegel
- Ausufernde Blümchen-Sticker außen, diverses Glitzer-Klimbim innen, das in großen Trauben vom Rückspiegel baumelt
Fahrstil:
Absolut unberechenbar. Kommt man hinter einer Tussi on Tour zu fahren, ist höchste Konzentration gefragt. Einerseits ist man durch die bonbonfarbene Lackierung des Autos bereits optisch irritiert, andererseits wird man wahlweise von der Discokugel am Rückspiegel, der wild wippenden Diddlmaus auf der Hutablage oder der versehentlich eingeschalteten Nebenschlussleuchte gleißend geblendet. Nahe am Verlust des Augenlichts tut man sich doppelt schwer, das Fahrverhalten der Tussi vorauszusehen. Sie bremst nicht nur für Tiere, Menschen und Luftstöße, sondern tritt auch in regelmäßigen Abständen aus heiterem Himmel auf die Bremse, um nochmals schnell ihr Makeup zu kontrollieren oder die blonde Mähne neu zu adjustieren. Erschwerend kommt hinzu, dass sie in jeder Kurve versucht, gleichzeitig zu schalten und ihren Lippenstift frisch aufzutragen, was zu einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ruckeligen 5 km/h führt, die sich spontan auf 90 km/h im Ortsgebiet steigern, wenn der Ladenschluss der nächsten Boutique in 10 Minuten bevorsteht.
PROLO IM POLO
Auto:
Alles, das irgendwie schnittig aussieht, halbwegs schnell fährt und idealerweise ein steinzeitmäßig röhrendes Geräusch von sich gibt, wenn man im Schnellstart von der Kreuzung wegqualmt.
Zum Beispiel: Golf GTI, 3er BMW
Erkennungsmerkmale:
- Tiefer gelegtes Auto, röhrender Auspuff, wummernde Bässe
- Sticker mit peinlich-prolligen Sprüchen an der Rückseite
- Permanent geöffnetes Fenster, um Ellenbogen oder Zigarette cool heraushängen zu lassen
Fahrstil:
Genau wie ihre Frisur: cool und windschnittig. Der Prolo cruist, speedet und driftet als säße er im Batmobil und lässt sich auch in Ortsgebieten nur ungern von solchen Lappalien wie Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Überholverboten beeindrucken. Kommt man vor ihm zu fahren, hat man die Arschkarte gezogen, da er durch sekündliches, genervtes Halb-Überholen subtil signalisiert, dass man sich doch bitte freundlicherweise in Luft auflösen möge. Hinter ihm hat man ein leichteres Leben, da die Fahrt zumindest halbwegs flott vorangeht. Das Problem sind eher die 3-10 Halb-Herzinfarkte, die man pro Minute erleidet, weil der Prolo unvermittelt mit 90 km/h in weitem Bogen auf die Laterne auf der anderen Straßenseite zusteuert, da er gerade durch ein total lustiges Youtube-Video auf seinem Handy, eine sich aus dem McDonalds-Tüten-Turm im Fußraum gelöste, schimmelnde Big Mac-Schachtel oder einen geilen Minirock am Gehsteig ein wenig abgelenkt war. Bei längeren Wartezeiten an der Ampel würde der Prolo niemals daran denken, seinen Motor abzustellen, da sonst die automatische Verbindung seines iPhones mit der Bose-Multimedia-Anlage gekappt werden könnte.
WAIDMANNS UNHEIL
Auto:
Autos ohne Schnickschnack, dafür mit Hundegitter. Am liebsten mit großer Ladefläche, Plane und in Tarnfarben.
Zum Beispiel: Suzuki Jimny, Nissan Navara
Erkennungsmerkmale:
- Weithin sichtbarer Lodenhut
- „-Land“ oder „-Umgebungs“-Kennzeichen
- Jagdhund, der begeistert mit seinem Nasensekret die Rückscheibe verschmiert
Fahrstil:
Der Jäger ist es gewohnt, auf der Pirsch zu sein. Dementsprechend vorsichtig und schleppend fährt er auch, schließlich muss gleichermaßen die Vögelkolonie am Wegesrand biologisch bestimmt und darauf geachtet werden, dass hinter der nächsten Innenstadtkurve kein angefahrenes Reh auf der Straße liegt und durch einen Gnadenschuss erlöst werden muss. Der Jäger lässt sich nicht leicht durch etwas aus dem Konzept bringen, allerhöchstens von modernem Schnickschnack wie Ampeln, Kreuzungen, Verkehrszeichen oder Menschen. Trifft er auf eines dieser Dinge, reagiert er fluchtartig unberechenbar wahlweise durch massives Gasgeben, abruptes Bremsen oder unvorhergesehene Ausweichmanöver, bei denen Bello hinten beinahe von der Ladefläche katapultiert wird. Besonders in Parkplatzfragen sollte man sich mit dem Jäger nicht anlegen, schließlich hat er sein Jagdgewehr immer griffbereit und ungesichert am Rücksitz liegen.
CRASH-TEST-MUMMY
Auto:
Alles, was möglichst groß und familientauglich ist (Minimumhöhe: drei übereinander stapelbare Laufräder). Gleichzeitig darf es aber nicht einfach ein Kleinbus oder Lieferwagen sein, sondern muss den höchsten Ansprüchen der modernen Technik genügen.
Zum Beispiel: VW Sharan, Ford Galaxy
Erkennungsmerkmale:
- An jedem Fenster eine Winnie-Pooh-Sonnenblende
- 2-5 „Jenny an Bord“-Sticker an der Rückscheibe
- Im Kofferraum bis zur Decke gestapelte Kinderwagen, Roller, Buggys und notfalls auch Wickeltische
Fahrstil:
Wie auf rohen Eiern. Kein Wunder, das Auto hat Mummy nämlich nicht selbst ausgesucht und hätte auch viel lieber einen Opel Corsa gehabt. Ihr Mann fand aber das App-gesteuerte Navi-System so toll, dass es kein anderer Wagen sein durfte, auch wenn er selbst nicht mal im Notfall damit fahren würde. Für Crash-Test-Mummy ist das Auto viel zu groß und kompliziert, weswegen sie bei jeder Parklücke wahlweise 5m nach hinten raussteht, mit dem Außenspiegel die Säule touchiert oder statt dem Blinker die hintere Scheibenwischanlage einschaltet. Zusätzlich werden ihre Fahrten noch dadurch verkompliziert, dass sie nicht mehr aus der komplett mit Kinder-Krimskrams vollgestellten Rückscheibe sieht, aber auch nicht weiß, wie man die voll elektrischen Außenspiegel richtig einstellen würde. Fahrten hinter der Crash-Test-Mummy sind ruckhaft und unvorhersehbar, muss sie doch alle 5m wegen fliegenden Spielsachen, Pre-Milch-Fontänen-erbrechenden Kindern, verlorenen Schnullern, Hirsekringel-Stopps und Pipi-Pausen das Fahrzeug unvermittelt an den Straßenrand reißen (selbstverständlich nicht, ohne vorher die hintere Scheibenwischanlage betätigt zu haben).
FORD-SIESTA-PENSIONISTA
Auto:
Alles, was noch aus der Vorkriegszeit übrig geblieben ist oder ihnen die sicherheitsliebende Nachkommenschaft geschenkt hat.
Zum Beispiel: Opel Kadett, Mercedes Benz 190
Erkennungsmerkmale:
- Wahlweise hochtoupierte Dauerwelle oder Hut (ansonsten würde man auch gar nicht sehen, dass überhaupt jemand im Auto sitzt)
- Rosenkranz am Rückspiegel
- Gehäkelte Klorolle auf der Hutablage
Fahrstil:
Gemütlich, denn sie haben ja alle Zeit der Welt. Morgens um 07.00 Uhr fragen sie sich „Ach, irgendwann wollte ich doch heute zum Supermarkt fahren, wann soll ich denn das bloß machen? Eigentlich hätte ich ja den ganzen Tag Zeit, aber viel lustiger ist es doch, wenn alle anderen gerade in die Arbeit müssen!“. Also schwingen sie die arthrose-geplagten Knochen ins Auto, rücken die 7-Dioptrien-Brille nochmal zurecht und cruisen mit schleifender Kupplung und röhrendem Motor gemächlich im ersten Gang zum lokalen Lebensmittelladen. Kommt man hinter ihnen zu fahren und hat womöglich noch eine Zielzeit von unter einer Stunde, in der man möglichst im Büro oder sonst wo sein sollte, hat man Pech gehabt. Mit konstanten 10 km/h geht es durch die Straßen, alle paar Meter unterbrochen von einem kurzen Stopp, um aus jeder Nebenstraße mindestens ein Müllauto oder einen Traktor freundlich herausfahren zu lassen, den anderen Fahrzeugen außerhalb des Kreisverkehrs Vorrang zu geben oder sich vor dem Gegenverkehr zu erschrecken. Einziger Vorteil: Hinter einem Pensionista ist es nahezu unmöglich, irgendwo ins Radar zu fahren.
TOURING TOURIST
Auto:
Wahlweise ein Einfamlienhausgroßes Wohnmobil oder ein sportliche-schickes Cabrio, das selbst bei 5°C Außentemperatur ohne Verdeck gefahren wird.
Zum Beispiel: Hobby-Wohnmobil, Alpha Spider Cabrio
Erkennungsmerkmale:
- Vorzugsweise holländisches oder deutsches Kennzeichen
- Wohnmobil: Die komplette „Corsica Ferries“ Sticker-Serie von mindestens 2003 bis 2016 an der Rückscheibe
- Cabrio: Fahrer tragen Niki Lauda-Käppi bzw. Grace Kelly-Kopftuch
Fahrstil:
Obwohl recht unterschiedlich in ihrer Demographie und Herkunft, unterscheiden sich der Wohnmobil- und der Cabriourlauber in ihrem Fahrverhalten nur unwesentlich. Beide haben es nicht eilig, von A nach B zu kommen, sondern wollen dabei vielmehr bei 30 km/h maximal das Fahrerlebnis an sich genießen. Während es bei der holländischen Großfamilie im Wohnmobil dabei eher darum geht, die fünf Räder, zwei Kajaks und ein Moped an Gepäckträger, Dachträger oder Kofferraum mit dem 30 Jahre alten Camper, der schon letztes Jahr den TÜV nur noch mit Ach und Krach bestanden hat, heil an den nächsten Campingplatz zu bringen, kann der Cabrio-Fahrer unmöglich schneller fahren, weil ihm sonst der Fahrtwind die perfekt coiffierte Frisur zerstören würde. Beide sind in ihrer Fahrweise halbwegs berechenbar, solange man die Strecke selbst gut genug kennt. Weiß man beispielsweise, dass hinter der nächsten Kurve zum ersten Mal der See oder eine Mozart-Statue in Sichtweite kommt, kann man sich bereits darauf vorbereiten, dass der Urlauber unweigerlich entweder eine Vollbremsung einlegt oder zumindest auf 5 km/h reduziert, um aus dem fahrenden Auto besser fotografieren zu können. Selbes gilt bei Schildern für Autobahnraststätten, Sommerrodelbahnen, Steckerlfisch-Ständen oder Ähnlichem. Einzige Hoffnung als Hinterher-Fahrer: Bei der nächsten Polizei-Kontrolle an der Auffahrt werden sowohl Wohnmobil als auch Cabrio ohnehin aus dem Verkehr gezogen, weil Papa zu Hause darauf bestanden hat, dass man extra für diesen Urlaub jetzt aber sicher nicht diese doofe Vignette kauft.
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