Donnerstag, 12. April 2012

Que malheur, que malheur...

„...mein Baby war beim Friseur. Sie zahlte dem Friseur viel Geld, damit er sie total entstellt.“ Dieses Lied könnte bei mir so ziemlich jedes Mal als Soundtrack laufen, wenn ich vom Friseur nach Hause komme.

Vermutlich liegt es einfach an meiner Unfähigkeit, dem Mensch am anderen Ende der Schere zu vermitteln, was ich genau möchte. Vielleicht müsste ich den Friseusen meines Nicht-Vertrauens einfach nur mal dezidiert vorher sagen, dass ich nachher nicht aussehen möchte wie Tina Turner. Vielleicht bliebe mir dann das volle Drama des beliebten Trauerspiels „Friseurmalheur in sechs Akten“ erspart.

Akt 1: Die Beratung

Was ich darunter verstehe:
Ich hätte gerne, dass die Friseurin mir auf kompetente Art vermittelt, was bei meinen Haaren Sinn macht und welcher Schnitt mir gut stehen würde.

Was die Friseurin darunter versteht:

Mir eine 3 Jahre alte Ausgabe der „Frau im Spiegel“ hinzulegen und mir zu versichern, dass sie da schon einen ganz „frechen“ Schnitt für mich im Kopf habe.

Akt 2: Das Waschen


Was ich darunter verstehe:
Das Shampoonieren und Ausspülen meiner Haare mit normal temperiertem Wasser.

Was die Friseurin darunter versteht:
Das Shampoonieren und Ausspülen meines Innenohrs, meiner Augen und meines Hemdkragens mit wahlweise siedend heißem oder eiskaltem Wasser, begleitet von der hartnäckigen Aufforderung, dass „ma a bisserl a Pflege aber schon reingeben sollt“ (Ka-ching, Rechnung erhöht sich automatisch um 5-10 Euro).

Akt 3: Das Färben

Was ich darunter verstehe:
Die Coloration meiner Haare mit einer gleichmäßigen und natürlichen Farbe, die mich nicht wie ein Grufti aussehen lässt.

Was die Friseurin darunter versteht:
Das Anpanschen von chemischen Pasten und das Basteln von kreativen Alufolie-Gebilden mit einer möglichst grellen Farbe, die sich, nachdem Frau Frisi vergessen hat, den Wecker zu stellen, nach 10min Überlänge bei der Einwirkzeit als sattes Gelb mit Grünstich herausstellt.

Akt 4: Der Schnitt

Was ich darunter verstehe:
Die nicht vollkommen willkürliche Kürzung meiner Haare mit dem Endergebnis eines Konstrukts, das sich zumindest annähernd als Frisur bezeichnen lässt.

Was die Friseurin darunter versteht:
Das Zermähen, Zerfransen und asymmetrische Zerschneiden meiner Haare nach keinem erkennbaren Muster. Während man im Spiegel sorgenvoll dabei zusieht, wie sie ihr Effiliermesser zum 40.Mal durch die letzte verbleibende Haarsträhne zieht, redet man sich zu diesem Zeitpunkt noch ein, dass nach dem Föhnen ja alles noch wird. Eigentlich möchte man aber jetzt schon am liebsten wie die Hupfdohlen von „Germany’s Next Top Model“ beim Umstyling in Tränen ausbrechen. Verstärkt wird dieser Wunsch noch durch den Umstand, dass die Friseurin an dieser Stelle versucht, ihr hart erlerntes Wissen aus dem Kurs „Kundengespräche 1“ an den Mann zu bringen und wahlweise mit der Einstiegsvariante „Und, heute ham’s frei?“, „Und, waren’s schon im Urlaub?“ oder „Und, hams schon alle Weihnachtsgeschenke?“ in ein an Intellektualität kaum zu überbietendes Small Talk-Inferno startet.

Akt 5: Das Fönen


Was ich darunter verstehe:
Das Trocknen und in Form Bringen meiner Haare bei nicht Kopfhaut-versengenden Temperaturen.

Was die Friseurin darunter versteht:
Das hohe Toupieren und kreative Auftürmen meiner Haare in eine möglichst bizarre Form, während sie mir mit dem auf höchste Stufe eingestellten Fön auf der gesamten Kopfhaut Verbrennungen dritten Grades zufügt. Dabei zieht sie mit der Rundbürste freudig bis zum Wirbelsäulen-Knacken an meinem Kopf, verhängt sich dabei gern mal in den Ohrringen und versichert bereits an dieser Stelle, dass alles „ganz super“ geworden ist.

Akt 6: Die Präsentation

Darunter verstehen wir beide dasselbe, nur mit verschiedenen Gefühlen. Die Friseurin zeigt mir bewaffnet mit 17 verschiedenen Rundum-Spiegeln stolz ihr Werk, während ich jetzt schon überlege, ob ich eh die Haube mitgenommen habe. Links und rechts von meinem Gesicht türmen sich zwei mächtig gefönte Schaumrollen, die Stirn ziert ein neckisch gerolltes Schmalzlöckchen und die Hinteransicht offenbart ein wild gestuftes Vogelnest an Grausamkeit. Dieser Moment der Scham ist eigentlich der Schlimmste am gesamtem Friseurbesuch. Da man vorher noch die naive Hoffnung hatte, dass am Ende alles gut wird, hat man der motivierten Schnipslerin nicht rechtzeitig zu verstehen gegeben, dass man wohl doch nicht frech genug für den frechen Schnitt ist – und jetzt ist es zu spät, sich noch darüber zu beschweren. Deshalb muss man auf die freudige Frage „Und? Is doll worden, gell?“ auch noch mit einem gezwungenem Lächeln und einem gepressten „Ja, voll super“ antworten, während man sich tief im Inneren einfach nur wünscht, es würde sich ein besonders tiefes Loch im Boden auftun. Als Sahnehäubchen der Demütigung blättert man für seinen neuen Hausfrauen-Look dann auch noch an der Kassa ein paar schmerzliche Scheine hin, bevor man im Schutz der Häuser möglichst schnell ins Auto huscht und nach Hause rast, um dort die neusten Hutmode-Trends zu googeln. Und da soll noch mal jemand sagen, ein Friseur-Besuch wäre entspannend...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen